Krisenvorsorge gestalten: Hinter den Kulissen von Krisopolis
Einblicke in die Koordination eines Forschungsprojekts an der Schnittstelle von Wissenschaft und Klassenzimmern mit Nadja Thiessen.
Einblicke in die Koordination eines Forschungsprojekts an der Schnittstelle von Wissenschaft und Klassenzimmern mit Nadja Thiessen.
Nadja Thiessen studierte Geschichte mit dem Schwerpunkt Moderne an der TU Darmstadt. Bereits seit 2016 forscht sie im Fachgebiet für Neuere und Neueste Geschichte zu Kritischen Infrastrukturen, Krisenvorsorge und urbaner Resilienz. Im Graduiertenkolleg KRITIS promovierte sie mit einer Arbeit zum Umgang mit Flusshochwassern im 20. Jahrhundert. Seit 2020 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am LOEWE-Zentrum emergenCITY Dort ist sie unter anderem an der Entwicklung des Serious Games „Krisopolis“ beteiligt. Krisopolis entstand ursprünglich im Rahmen eines Bachelorpraktikums, bei dem emergenCITY und insbesondere Nadja Thiessen eine planende und koordinierende Rolle übernahmen. Heute ist das Spiel fest in der Mission Serious Games integriert und wurde im Dezember 2025 veröffentlicht.
Was war und ist deine Rolle bei der Entwicklung des Spiels?
„Bei den Anfängen und während des Bachelorpraktikums habe ich vor allem die Student:innen begleitet, geplant, organisiert und Anregungen dazu gegeben, welche Krisen in das Spiel eingebunden werden könnten – und welche Möglichkeiten den Spieler:innen gegeben werden, auf diese Krisen zu reagieren und sie zu bewältigen. Als wir die ersten Prototypen ausgearbeitet hatten, fing ich an das Spiel auf Messen und Tagungen vorzustellen. Wir waren da unter anderem auf den Gamedays, dem Hessentag oder der Fachtagung für Katastrophenvorsorge.“
Welcher Teil der Spieleentwicklung macht dir am meisten Spaß? Und am wenigsten?
„Am meisten definitiv die Zusammenarbeit im Team. Unsere Interdisziplinarität hat es immer interessant gemacht. Die Studierenden waren sehr motiviert und hatten tolle und sehr kreative Ideen, so haben sie zum Beispiel auch Grafik und Sounds selbst erstellt. Der schönste Moment war für mich persönlich, als ich zum ersten Mal unseren Prototypen auf dem Handy ausprobieren konnte. Das erste Mal den Avatar wirklich zu bewegen, Dialoge mit den Nachbar:innen führen zu können und den Rucksack auszustatten hat mir extrem viel Freude bereitet. Zu sehen, wie die Ideen dort lebendig geworden sind, war wirklich etwas Besonderes. Noch dazu ging es so schnell: Wir haben zu diesem Zeitpunkt erst ein paar Wochen lang das Spiel entwickelt. Dem gegenüber war die Bürokratie kurz vor dem Release eher monoton. Da waren wir eher mit Dingen beschäftigt, wie einen Markennamen einzutragen oder die Veröffentlichung für Playstore und Appstore vorzubereiten.“
Was soll Krisopolis bei den Spieler*innen auslösen?
„Mein Hauptanliegen war auf jeden Fall die unaufgeregte Auseinandersetzung mit Krisenvorsorge. Krisopolis will spielerisch sensibilisieren und die Menschen im besten Fall dazu anregen, ins Handeln zu kommen. Ob das nun das Anlegen eines eigenen Vorrats oder das Herunterladen einer Warnapp sein mag. Die Betonung auf Gemeinschaft im Spiel soll auch deutlich machen, dass man gerade während Krisen auch an seine Mitmenschen denken sollte.“
Was meinst du mit unaufgeregt?
„Es soll niemand Angst vor einer möglichen Krise durch Krisopolis bekommen. Das Spiel will dir einen Lösungsansatz und Vorschläge zu Vorbereitung anbieten, damit man im Ernstfall nicht erstarrt. Man kann sich vorab einen Vorrat an Trinkwasser anlegen, man kann sich Gedanken machen, welche alternativen Möglichkeiten man noch zur Kommunikation hat, wenn beispielsweise das Handy nicht mehr funktioniert… Es sind vor allem die simplen Dinge, die man auch relativ leicht umsetzen kann, die aber dennoch im Alltag vergessen werden. Dazu ist man im Spiel auch nicht allein, die Gemeinschaft bewältigt zusammen die Krise.“
Meinst du das Spiel erfüllt diese Ziele?
„Es hat zumindest das Potential dafür, es zu tun. Wir haben uns auf jeden Fall viel Mühe gegeben, Spieler:innen leicht zugänglich an die Thematiken Katastrophen und Krisenvorsorge heranzuführen. Dafür haben wir die Dialoge möglichst humorvoll gestaltet, aber beispielsweise auch die offiziellen Seiten und Informationen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verlinkt, wenn sich jemand noch weiter einlesen möchte.“
Gibt es eine Gruppe von Menschen, bei denen dir besonders wichtig wäre, dass sie Krisopolis spielen?
„Insbesondere alle Menschen, die die klassischen Ratgeber nicht lesen, weil sie beispielsweise keine Zeit haben, aber spielaffin sind und sich so zum Beispiel einer kurzen Tramfahrt mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Um sie zu erreichen, versuchen wir konkret diesen neuen Weg. Aber auch über Kinder und Jugendliche, die Krisopolis spielen, freuen wir uns natürlich sehr.“
Erst im März forderte Innenminister Dobrindt die Einbindung von Zivilschutz und Krisenvorsorge im Schulunterricht. Sollte Krisopolis von Institutionen wie Schulen dafür gezielt eingesetzt werden, um Bildung zu fördern, oder vielmehr ein Medium sein, das Menschen eigenständig entdecken und individuell für sich nutzen?
„Am besten beides! Die Einbindung im Unterricht und gerade das gemeinsame Spielen im Klassenverband sind eine tolle Möglichkeit, um das Thema für die Kinder und Jugendlichen noch zu vertiefen. Schüler:innen können ihr Wissen dann in die Familien tragen, dort gemeinsam spielen und sich mit ihrer persönlichen Krisenvorsorge auseinandersetzen. Natürlich geht es aber auch eigenständig.“
Welche aktuellen Konzepte gibt es für das Einbinden in den Unterricht?
„Gemeinsam mit der Agentur quäntchen + glück prüfen wir gerade, was genau Lehrkräfte an Unterrichtsmaterial benötigen. Dabei klären wir auch, wie wir einen Zugang zu dem Spiel schaffen, sodass es für die Lehrer:innen interessant wird. Grundsätzlich passt Krisopolis zu den meisten Fächern. Bevölkerungsschutz ist ein Querschnittsthema und kann eigentlich überall eingebunden werden. Und auch in AGs wären eine gute Möglichkeit: in Baden-Württemberg gibt es bereits an einer Schule in Zusammenarbeit mit dem Arbeitersamariterbund eine AG zum Thema Bevölkerungsschutz.”
Wie hast du die Feierlichkeiten zur Veröffentlichung von Krisopolis im Dezember letzten Jahres erlebt?
„Die waren großartig! Es war unfassbar rührend. Im aktuellen Kernteam mit Jakob, Katharina, Joachim hatten wir die Gelegenheit darauf zurückzublicken, wie alles angefangen hat – und es war so schön zu sehen, was daraus geworden ist. Besonders gefreut hat mich, dass einige der Krisopolis-Entwickler:innen der ersten Stunde dabei waren und natürlich die vielen anderen Krisopolis-Begeisterten… Der schönste Moment war, als wir dann auf der Bühne sagen konnten, dass Krisopolis jetzt kostenlos heruntergeladen werden kann.“
Auch wenn das Spiel nun veröffentlicht ist – fühlt es sich tatsächlich “fertig” an?
„Mit Krisopolis ist es, wie auch bei Büchern oder Artikeln. Auch wenn es theoretisch fertig ist, kommt das Gefühl nicht so richtig an. Vor allem kommen noch so viele Ideen dazu, wir kriegen immer mehr Ideen durch Feedback. Es kann also noch weitergehen!“
Gibt es irgendwas, was du gerne noch in das Spiel einbinden möchtest?
„Ja! Demnächst wird es noch weitere Erzählstränge und Geheimnisse der Krisopolis-Bewohner:innen im Spiel zu entdecken geben und perspektivisch könnte ich mir eine Art Trainingsmodus vorstellen. Aktuell werden die Krisen zufällig ausgelöst, bei einem Trainingsmodus ließe sich dann eine konkrete Krise auswählen, auf die man sich dann bestmöglich vorbereitet, um diese möglichst gut zu bewältigen.“
Wie geht es für dich nach Krisopolis weiter?
„Die Veröffentlichung ist nicht das Ende. Neben den Schulmaterialien wird am ein oder andere Update gearbeitet und wir sind weiterhin auf Messen und Workshops vertreten. Am 22. April stelle ich zum Beispiel Krisopolis beim E-Learning Stammtisch der Hochschuldidaktischen Arbeitsstelle der TU Darmstadt vor.
Für mich persönlich habe ich über Krisopolis mit Serious Games ein wirklich spannendes Thema gefunden. Vorher hatte ich mit digitalen Spielen eher wenig zu tun, glaube aber, dass sich mit diesem Ansatz die Resilienz der Bevölkerung noch deutlich steigern lässt. In den restlichen Monaten bei emergenCITY will ich neben Krisopolis noch meine weitere Forschung vorantreiben..
Langfristig könnte ich mir vorstellen auch andere Fragen der Wissensvermittlung mit Serious Games zu verfolgen. Wir halten auf jeden Fall die Augen nach Fördermöglichkeiten für weitere Projekte offen.“