Nach mutmaßlichen Sabotageakten auf Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen Anfang September berichteten regionale wie überregionale Medien über die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland. Auch Expert:innen vom LOEWE-Zentrum emergenCITY ordneten in der Berichterstattung die Lage aus wissenschaftlicher Perspektive ein. Im Mittelpunkt standen dabei der Schutz kritischer Infrastrukturen, die schnelle Wiederherstellung nach Schäden sowie dezentrale, inselfähige Lösungen für den Krisenfall.

emergenCITY-PI Florian Steinke, Professor für Energieinformationsnetze und -systeme an der TU Darmstadt, gab in einer Einschätzung für das Science Media Center Germany zu bedenken, dass sich die zahlreichen Anlagen im Stromnetz kaum flächendeckend gegen physische Angriffe schützen lassen. Entscheidend sei, Schäden schnell beheben zu können, etwa mit zusätzlichem Personal für Reparaturen und einem größeren Vorrat an Ersatzteilen.

“Wir sollten daher den Fokus mehr auf die Fähigkeit setzen, Schäden schnell reparieren zu können”, so Steinke gegenüber dem Science Media Center.

Als weiteren Ansatz nannte Steinke dezentrale Notfall-Strominseln, bei denen sich Städte oder Quartiere bei einem Ausfall des Übertragungsnetzes abkoppeln und zeitweise selbst versorgen. Wie das funktionieren kann, erforscht emergenCITY im Reallabor eHUB, einem energie-autarken Gebäude.

Kaskadeneffekte durch Angriffe auf kritische Infrastrukturen

In der tagesschau24-Sendung “Update Wirtschaft” sprach emergenCITY-PI Christian Reuter, Leiter von PEASEC an der TU Darmstadt, am 11. September über die Verwundbarkeit der Wirtschaft durch Angriffe auf kritische Infrastrukturen. Besonders Ausfälle in der Stromversorgung hätten ein hohes Risiko für Kaskadeneffekte, da nahezu alle Bereiche öffentlicher und privater Infrastruktur von Strom abhängen. Kritische Funktionen bräuchten daher Rückfallebenen, die sich lokal steuern oder offline betreiben lassen, so der Wissenschaftler. Im Interview stellte er in diesem Zuge auch die Forschung der TU Darmstadt in emergenCITY und ATHENE vor.

Besuch der Digitalministerin im eHUB

Auch der Besuch der hessischen Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus im eHUB am 7. September stieß auf großes mediales Interesse. Im Rahmen der ersten hessischen Resilienzwoche stellten Florian Steinke und Joachim Schulze, Leiter der Reallabore bei DiReX, der Ministerin das inselfähige Gebäude auf dem Campus Lichtwiese vor. In der hessenschau erläuterte Steinke, wie bereits vorhandene Photovoltaikanlagen im Krisenfall genutzt werden könnten:

“Wir möchten eigentlich ermöglichen, dass, wenn Leute sich im Rahmen der Energiewende mit Solaranlagen und Batterien ausstatten, sie diese dann auch im Krisenfall benutzen können. Mit den vorhandenen PV-Kapazitäten kann man schon viel erreichen. Wir haben zum Beispiel für dieses Thema Handymasten gecheckt. Dort gibt es schon heute innerhalb von 300 Metern jeweils eine PV-Anlage, die eigentlich in der Lage wäre, diesen Handymast zu versorgen, und wir müssen jetzt sozusagen nur die Organisation dafür richtig machen”, sagte Steinke in der hessenschau.

Gegenüber SAT.1 hob Steinke hervor, dass vor allem die Zusammenschaltung mehrerer kleiner Strominseln zu einer größeren neu sei. Bis solche Lösungen in der Breite zum Einsatz kommen, brauche es aber vor allem auf organisatorischer Ebene noch weitere Anstrengungen.